szmmctag

  • ....(zwischenshout)....

    Ihr da weit draussen im www.:
    Ich freue mich immer sehr sehr über Anmerkunken, Kritik, Lebenszeichen eurerseits.
    Tut es! Jetzt! oder so...

  • Berlinale #11: "Kreuzweg" Dietrich Brüggemann

    Und nun zu dem Film, auf den ich nebst Anderson am allermeisten gespannt war: Kreuzweg.

    Kreuweg Filmplakat

    Dietrich Brüggemann habe ich mit "Renn, wenn Du kannst" kennengelernt. Diesen Film kann ich nur jedem ans Herz legen: ein wunderbare Mischung aus Witz und Alltagstragik, perfektes Drehbuch, schöne Bilder, tolle Darsteller (Dietrichs Schwester Anna Brüggemann, Jacob Matschenz und Robert Gwisdek) gepaart mit einem einwandfreien Soundtrack. Eigentlich bin ich auch über die Musik zum Film gekommen. The Cooper Temple Clause gehören zu meinen top 10 Bands aller Zeiten. Leider haben sie sich nun auch aufgelöst aber es bleiben 3 wunderbare Alben für die Nachwelt erhalten: falls ihr atmosphärischen Indie mögt, reinhören!! Oder auch erstmal den Brüggemann Film anschauen und sich wundern wer denn die tolle Musik gezaubert hat.
    Die Dreiecksgeschichte zwischen dem gehbehinderten zynisch-witzigem Ben, Zivi und angehendem Mediziner Christian und der Lampenfieber-geplagten Cellistin Annika wandert auf dem Grat zwischen Komik und Tragik, Verletzlichkeit und Unsicherheit. Großartige Dialoge, wundervolle Story. Anschauen.

    Robert Gwisdek, Anna & Dietrich Brüggemann, Jacob Matschenz

    Danach habe ich mich ein wenig informiert und mir Brüggemann's Musikvideos angeschaut. Auch da wird man nicht enttäuscht: der Mix aus Witz, Originalität, klasse Produktion und schöner Esthetik entspricht auf den Punkt genau meinem Verständnis von gutem Film bzw ist genau die Mischung, die ich in jeglicher Kunstform sehen möchte. Er trifft einfach 99% der Zeit genau meinen Geschmack auf sämtlichen Ebenen, und man kann doch nur froh sein, wenn man einen solchen Regisseur gefunden hat, oder?
    Auch die leichtere Komödie "3ZimmerKücheBad", die sich hauptsächlich mit dem Kampf unserer Generation mit dem (verspätetem) Erwachsenwerden beschäftigt, hat mir sehr gefallen. Man findet fast alle Darsteller und diesselbe Crew wie in "Renn wenn Du kannst" wieder, allerdings stark vergrößert. Ich finde es auf eine naive Art immer sehr sympathisch, wenn ein Filmemacher dieselber Mitarbeiter über mehrer Produktionen beibehält. Spricht doch für gute Stimmung im Team, oder? (jahhaaa, ich sagte ja bereits "naiv"). Es ist ein durch und durch berlinerischer Film nicht nur was location sondern auch was für mich zT das Lebensgefühl dieser Satdt ausmacht (im Guten wie im Schlechten...), und auch hier ist der Fyfe Dangerfield/Guillemots Soundtrack topnotch.

    3zkb Filmplakat

    Da waren die Erwartungen bzgl. Kreuzweg natürlich besonders hoch.
    Ich gebe zu: ich habe manchmal die Tendenz, die Leistung von Kunstschaffenden die ich mag für gut zu befinden obwohl sie objektiv betrachtet eher Mittelmaß ist. Aber genauso schnell kann ich ins schwerenttäuschte und fast schon persönlich beleidigte abdriften, wenn mir etwas so gar nicht gefallen mag. Auch hier: schmaler Grat.
    (ich muss noch hinzufügen: den Film habe ich mir nach durchzechtert Nacht mit 3 Stunden Schlaf angeschaut, erschwerend hinzu kam die Aussicht auf zusätliche 2 Filme an diesem Tag und dazwischen gequestscht meine versprochene Mithilfe bei einem Umzug, yay! Hätte also durchaus schonmal die Waage ins negative bringen können).

    Erste Szene Kreuzweg

    Brüggemann hat dieses Mal einen ganz anderen Weg als bisher beschritten, was die Thematik angeht. Weg von der Selbstfindung ins Erwachsenenleben hin zum Umgang streng katholischer Gemeinschaften mit ihrem Nachwuchs und dessen verheerenden Folgen.
    Die junge Maria wächst in einer solchen auf, und wird von ihrer Familie und ihrer Kirche in einen Lebenswandel gedrängt, der sich kaum mit ihrem normalen Schülerinnenalltag in Einklang bringen lässt. Insbesondere unter dem Druck der Mutter und des Paters versucht sie beides zu vereinen und zerbricht schliesslich daran.
    Auf Details möchte ich nicht eingehen, man muss sich den Film einfach selber anschauen. Marias Auseinandersetzung mit einerseits ihrer strikt konservativen christlichen Erziehung/ihrem tiefverankertem Glauben und andererseits die "Aussenwelt" wird in 14 einzelnen Sequenzen mit fester Einstellung gedreht. Der Verzicht auf jegliche Kamerabewegung (bis auf 2 Schwenks) ist eine Meisterleistung, der das Bedrückende und das Gefangene der Figuren im Rahmen noch zu unterstreichen vermag. Wie schwer wohl die Dreharbeiten dazu gewesen müssen? (Manche Szenen gehen als one shot über eine Dauer von 15 Minuten...) Brüggemann hatte das schon in seinen 9 Szenen erprobt, und auch der allerdings eher witzige Kurzfilm im Kurzfilm im Kurzfilm im Kurzfilm "One Shot" ist für mich ein kleines Meisterwerk (das man sich auch bei youtube ansehen kann, huschhusch, nixwiehin).

    Überhaupt wird auf sehr vieles verzichtet, es gibt wenige Darsteller, keine Musik. Was schnell hätte in die Hose gehen können schafft hier eine unglaubliche Intensität, die dem unangenehmen und schwierigen Thema nur allzu gerecht wird. Das ist nicht zuletzt auch der absoluten Glanzleistung Lea van Ackens als Maria und Franziska Weiszs als ihre Mutter zu verdanken.
    Das Drehbuch (von Anna und Dietrich verfasst) ist natürlich auch zum Großteil dafür verantwortlich, das der Film funktioniert. Die Dialoge werfen tiefgehende Fragen auf und erschüttern. (Ab und an blitzt dann doch der Brüggemannsche Witz wieder auf, wenn auch selten. Das aber dann immer zu dem genauen Zeitpunkt wenn man die Beklemmung kaum mehr ertragen kann. Dramaturgisches Chapeau!)
    Das hat dann glücklicherweise die Jury auch so gesehen, und es gab einen silbernen Bären fürs beste Drehbuch.

    Dietrich & Anna Brüggemann, Franziska Weisz, Lea van Acken, Florian Stetter

    Ein tiefverstörender Film ohne schockierende Bilder. Kino was bewegt und zum Nachdenken anregt. Ein großer großer Film, an den man noch nach Monaten zurückdenkt.

  • Berlinale #10: "Untitled New York Review of Books" (work in progress) Martin Scorsese, David Tedeschi

    Haus der Berliner Festspiele

    Da ich schon vor Ort bin (und noch ganz verzaubert von dem Linklater Film), bekomme ich hautnah den ganzen Trubel mit. Ich habe es geschafft mir Karten für das wohl geheimnisumwobenste Event dieser Berlinale zu beschaffen, und das, obwohl mir mal wieder überhaupt nicht klar war, worum es hier geht.
    "New York Review of Books" war mir auch bis dato kein Begriff, klang aber für meine Ohren nach neuen Buchempfehlungen und somit bestens geeignet als Buchclub-film. Und tatsächlich: mit 2 Buchclub-Freundinnen wurde die Vorführung als kleiner Vereinsausflug geplant. Das Gott Martin Scorsese vor Ort sein würde war mir zu dem Zeitpunkt ebenso wenig bewusst wie die eigentlich Thematik. Aber spätestens bei der Menge an Fotographen, die sich um den besten Platz an der Tribüne streiten, ist mir klar, dass hier was besonderes vor sich geht.

    Titelblatt NYREV

    Nun zur Aufklärung, liebe Leser: die NYREV ist eine regelmässig erscheinende Zeitschrift, die sich um Themen aus Politik und Kultur und natürlich Literatur dreht. Es wird aber die Zeit-/Literaturkritik auch als eigene Kunstform zelebriert, was dazu führt dass renommierte Autoren wie uA WH Auden, Hannah Arendt, Norman Mailer, Susan Sontag, Gore Vidal, Saul Bellow oder gar Truman Capote Beiträge verfasst haben.
    Dreh- und Angelpunkt der Publikation ist Gründer und Herausgeber Robert Silvers, der 1963 gemeinsam mit der inzwischen verstorbenen Barbara Epstein einen Streik der Drucker und dem daraus folgenden Printmedienengpass ausnutzte, und die Zeitschrift ins Leben rief.

    Robert Silvers, Rea Hedermann (Publizist)

    Zum 50-jährigen Jubiläum der Institution wurden Martin Scorsese und sein langjähriger Mitarbeiter David Tedeschi gebeten, einen Dokumentarfilm darüber zu drehen.
    Was wir nun unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu sehen bekommen, sind ca 1 Stunde Filmmaterial in 5 Teile, die alle dem nicht fertig gestellten Film entnommen sind.

    Alle warten auf Martin

    Die Aufregung ist groß: Herr Scorsese höchstpersönlich? Und das gerade jetzt, da er mit seinem letzten Streich "Wolf of wall street" in aller Munde ist? Ich muss sagen, dass ich ihm gegenüber gemischte Gefühle habe, aber dass er eine lebende Legende ist steht fest.
    Filme wie "Taxi Driver" oder "Shutter Island" habe ich unglaublich gemocht. Andere wie eben genannter "Wolf of Wall Street" oder "Raging Bull" als unglaublich langatmig, -weilig und unoriginell empfunden. Also 50/50. Still. Martin "are you talkin' to me" Scorsese. Ich bin gespannt.

    Martin Scorsese

    Und ohne großes Tamtam tritt der kleine Mann mit der großen Brille in Erscheinung. (Und im gleichen Moment fällt mit auf, dass ich ungewollt heute Scorsese Cosplay bin: dieselbe Größe, dieselbe Brille. haha.). Angenehm unprätentiös berichtet er, dass es noch eine sehr frühe Version sei, dass man ihn ab und an im Hintergrund mitsprechen hört, und dass es eine absolute Weltpremiere ist, zu der auch keine Journalisten geladen seien. Ehre, ehre. Und seid euch bewusst, dass ihr hier einen einzigartigen Bericht lest.

    Rea Hedermann, Martin Scorsese

    Was folgt sie 50 höchst wirre Minuten. Die Ausschnitte unterscheiden sich ziemlich, mal wird Silvers' tägliche Routine verfolgt, mal werden Größen der Literatur interviewt (Noam Chomsky, Joan Didion). Alles in allem wird man ständig an die wichtige Rolle der NYREV im politischen Zeitgeschehen der USA erinnert. Das mag sein, ist aber auf Dauer auch unglaublich anstrengend. Sich gegenseitig selbstbeweihräuchernde Intellektuelle: 30 Minuten hätten gereicht. Und über die Maßen überheblich kommt die ganze Art und Weise der Vorstellung auch noch daher.
    Silvers ist Gott, und hat die Vereingten Staaten zu dem gemacht, was sie heute sind. Nun ja.
    Den Eindruck kann leider auch das darauffolgende Q&A nicht wettmachen, in dem leider nur Fragen des Interviewers erlaubt sind, die genauso gestellt wirken wie der Film selber. Alle finden sich gegenseitig einfach nur unglaublich toll. Bei aller Hoffiererei fragt man sich letztendlich doch, ob man als Publikum da noch gebraucht wird? Später habe ich erfahren, dass es sich wohl um eine Arbeit im Auftrag der NYREV/Silvers handelt. Das würde die Lobhudelei zT erklären.
    Ich will nicht vorschnell urteilen, der Film ist wie nicht anders zu erwarten solides Handwerk. Aber irgendwie dreht sich dann doch alles sehr um sich selber. Und mir hat es die Lust genommen, mir das Endprodukt anzusehen (was sich wahrscheinlich auch auf einen kleinen Kreis Intellektueller beschränken wird, sowohl durch Thematik als auch durch Machart bedingt).

    Michael Ballhaus

    Auflockernde Anekdote: wir sitzen in der 2. Reihe des oberen Parketts, die 1. ist sichtlich für "filming-team" reserviert. Das trödelt nach und nach ein. Ein großer etwas unsicher gehender Herr am Arm seiner jüngeren Frau setzt sich vor uns. Wenige Minuten später bittet ihn einer unserer Sitznachbarn um ein Autogramm. Den ganzen Film über zerbreche ich mir den Kopf wer es denn sein könnte, bis ich schliesslich später, nachdem genannter Herr den Saal schon verlassen hat, den Autogrammjäger frage. Entrüstet ob meiner Dummheit kommt die Antwort: "Das war doch Michael Ballhaus....der Kameramann". Klar, der einzige Kameramann, den ich mit Namen kenne, also muss er schon ein großer sein. Tja. Ich bin wohl eindeutig nicht intellektuell genug für diese Veranstaltung.

  • Berlinale #9: "Boyhood" Richard Linklater

    Erneut im Haus der Berliner Festspiele schaue ich mir heute einen großen Favoriten an, für den ich tatsächlich nur mit Müh und Not noch Karten bekommen habe. Und das, obwohl es keine Premiere ist. Aber: wer möchte schon eine Premiere um 9h früh, Filmmenschen sind schliesslich Nachteulen, oder so...

    Patricia Arquette, Ellar Coltrane

    Und ich muss mich wirklich zurückhalten, um nicht gleich im Überschwang zu ertrinken, wenn es um "Boyhood" von Richard Linklater geht.

    Vielleicht haben einige von euch die "Before..."-Reihe gesehen (Sunrise, Sunset und jüngst Midnight)? Diese Art von handlungsarmen und dialogreichen Streifen sind bei Weitem nicht jedermanns Sache, was ich durchaus nachvollziehen kann. Insgeheim habe ich ja den Verdacht, dass die zarte Liebesgeschichte zwischen Julie Delpy und Ethan Hawke, die während einer Zugfahrt nach Wien, über ein Wiedersehen in Paris uns schliesslich gemeinsamen Urlaub in Griechenland verfolgt wird, eine ziemliche Frauensache ist. Aber selbst innerhalb dieser Zielgruppe wird sie mit Sicherheit nicht jeden zufriedenstellen. (Ganz anderes Thema, aber: von denjenigen die die noch-Trilogie gesehen habe erwarte ich an dieser Stelle zumindest ein wohlwollendes Kopfnicken dafür, dass ich es geschafft habe nichts zu spoilen).
    Ich habe sie jedenfalls sehr gemocht, zwar in abnehmendem Maße, aber auch der letzte war noch großartig.
    Linklater ist Texaner und, fun fact, hat dem diejährigen Oscar-preisträger Matthew McConaughey seine allererste Filmrolle und seinen allerersten Filmsatz besorgt: alright alright alright (hat man ja öfters mal gehört in den letzten Wochen). Ausserdem hat Linklater, wie man merkt wenn man seine Filmographie ansieht, eine gewisse Vorliebe für ganz besondere Langzeitprojekte.

    Before-Trilogy

    Und genau an diesem Punkt knüpft Boyhood an. Der Film verfolg das Heranwachsen/ die Boyhood des jungen Mason (Ellar Coltrane) in Austin, Texas. Zu Beginn des Films ist er 6 Jahre alt, und lebt mit seiner Mutter (Patricia Arquette) und seiner Schwester Samantha (die Tochter des Regisseurs Lorelei Linklater) in einem Haus am Rand der Großstadt. Die Eltern sind geschieden, ab und an holt der Vater (Ethan Hawke) seine Kinder zum "Spass haben" ab. Und plötzlich befinden wir uns ein Jahr später. Das passiert ohne schwerfälligen Texthinweis, sondern man merkt es einfach, sei es an einer komplett neuen Lebenssituation der Charaktere oder am naturgemässen Alterungsprozess sämtlicher Beteiligter. So kann man den physischen wie geistigen Reifungsprozess aller hautnah miterleben. Und das über 12 Jahre und 11 Zeitsprünge lang. Er wechselt die Schule, bekommt Stiefväter/-geschwister, verliebt sich, muss sich mit seiner Berufswahl auseinandersetzen.

    Die Story bleibt schlicht und unspektakulär, ganz am Modell des Lebens der meisten Menschen der Mittelschicht orientiert. Mason macht sämtliche Phasen des Heranwachsenden durch, so wie sie jeder von uns gekannt hat. Es gibt freudige und traurige Momente. Und alles wird in einer Vielzahl an kleinen, leisen Alltagsszenen dargestellt, Gespräche, Erlebnisse an denen ebengenannte Entwicklung sich ganz langsam nachvollziehen lässt. Dieses Mal schafft es Linklater aber diese extrem dialoglastige Art zugunsten einer leichteren, teilweise ohne Dialog auskommenden, etwas rhythmischeren Vorgehensweise auszutauschen. Der Film ist an keinem Moment lehrengebend, aber man bemerkt einen ständigen liebevollen Umgang mit den Charakteren, und sehr oft erkennt man sich und seine Gedankengänge wieder. Trotz der knapp 3 Stunden, die man im dunklen Kinosaal sitzt und den verhältnismässig leisen und unaufgeregten Tönen ist dramaturgisch so klug gearbeitet worden, dass man keine Sekunde lang abdriftet oder sich gar langweilt. Man ist im Gegenteil, wie ein Elternteil, traurig, als man Mason in sein Erwachsenenleben entlässt, nachdem man schon soviel mit ihm durchgemacht hat. Empty nest syndrome.

    Ethan Hawke, Ellar Coltrane, Lorelei Linklater, Patricia Arquette, Richard Linklater

    Der Film wurde, und das ist die Besonderheit, tatsächlich über einen Zeitraum von 12 Jahren gedreht. Jedes Jahr trafen sich Filmcrew und Schauspieler für 4 Tage, um einen neuen Abschnitt zu drehen. Wie risikoreich ein solches Projekt an sämtlichen Fronten sein muss mag ich mir gar nicht vorstellen. Was ist wenn einer der Darsteller plötzlich keine Lust mehr hat, oder schlimmer noch stirbt? Und was ist mit dem technischen Filmfortschritt (von 35mm zu digital zB)? All diese Hürden hat Linklater mit Bravour gemeistert, auch als, erwärtungsgemäß, die eigene Tochter nicht länger mitwirken wollte. Der Vater konnte sie doch noch überzeugen. Zum Glück, denn die geschwisterliche Dynamik von Mason und Samantha ist auch wunderbar mitanzusehen.

    Ellar Coltrane, Lorelei Linklater

    Ein absolut wunderbarer, Glückshormone-auslösender Film, der nicht nur von Idee und Umsetzung fantastisch gelungen ist, sondern es zudem schafft permanent zu unterhalten und absolut kitschfrei zu berühren. Lange lange hatte ich keine Träne mehr im Kino verdrückt, danke Richard Linklater dafür.

    Es gab auch verdienterweise den Bären für die Regie, gute Wahl!

    Richard Linklater mit seinem silbernen Regie-Bären

    Für mich ist es das Meisterwerk der Berlinale (vielleicht mit dem Brüggemann Film), einfache hohe hohe Kunst, wie sein Titel es schon verrät. Ich hoffe innigst, dass es einen deutschen Vertrieb geben wird, aber selbst ohne: SCHAUT IHN EUCH AN, ich kann es nicht laut und oft genug bekräftigen. Und versprochen, ihr werdet es nicht bereuen.

  • Berlinale #8: "Macondo" Sudabeh Mortezai

    Zoopalast

    Und kaum raus aus dem Luxus-Zoopalast, geht es auch schon wieder zurück in die plüschige Höhle.
    Heute steht "Macondo" von Sudabeh Mortezai auf dem Programm, ebenfalls Wettbewerb-film und dabei irgendwie auch Geheimtipp (wo genau ich das her habe, kann ich leider auch nicht mehr sagen).

    Ramasan Minkailov

    Macondo ist der Name der Flüchtlingssiedlung am Wiener Stadtrand, in der der ca. 10 jährige Ramasan wohnt. Er ist tschetschene. Sein Vater starb im Krieg, und er ist in der Familie (bestehend aus überforderter und nicht deutschsprechender Mutter und 2 kleinen Zwillingsschwestern) der Mann im Haus. Ramasan (Ramasan Minkailov) muss sowohl seine Mutter auf Ämter begleiten um um die Aufenthaltsgenehmigung zu kämpfen als auch die Schwestern betreuen. Zwischendurch möchte er sich natürlich auch in der Siedlungsinternen Hierarchie behaupten, was schliesslich zu der einen oder anderen Auseinandersetzung mit der Polizei führt. Als auch noch Isa auftaucht, ein Freund seines verstorbenen Vaters, wird alles noch schwieriger als es eh schon ist.

    Aslan Elbiev, Ramasan Minkailov, Sudabeh Mortezai, Kheda Gazieva

    Der Film ist genauso aufgebaut wie er klingt. Langsame, endlose Aufnahmen die die innere Zerrisenheit Ramasans zwischen übergroßer Verantwortung, Kindsein und Reiz des Verbotenens darstellen sollen. Wenige Dialoge, immer nur das übermüdetete und desillusionierte Gesicht des Jungens.
    Natürlich ist dieses Dasein alles andere als einfach, und natürlich lassen sich Menschen nicht pauschal und einfach in Kategorien wie "gut und böse" unterteilen (das hatte ja auch Schlöndorff als Leitfaden). Und dass das Leben als Immigrant auch nicht leicht ist, zwischen Marsch durch die Administrationen und tägliche Misere, müsste eigentlich auch jedem klar sein.
    Deshalb kann mich die österreichische Produktion auch nur so halb überzeugen. Zu langatmig und zu vorhersehbar. Natürlich kommt Mitleid auf, ab und an sogar ein wenig Bewunderung für Ramasan, aber insgesamt kann man sich da genauso gut eine 37° Doku beim ZDF ansehen.

    Das man schnell hart klingt wenn man ein solches Urteil fällt, mag dazu beitragen, dass der Film den Geheimtipp-status erreicht hat. Genauso wie Schauspieler, die extreme physische Änderungen für eine Rolle durchmachen oder behinderte Menschen darstellen fast immer die Preise abräumen (*hust hust* Jared Leto *hust hust*). Man sollte aber zwischen dargestelleter Situation und filmischem Wert unterscheiden können. Natürlich hat der Film zumindest den Vorteil, dass er die bestehende Asylantenproblematik anspricht, indem sie auf Menschliches eingeht und auf politische Stellungnahme verzichtet. Aber wiegesagt, auch das ist nichts wirklich bahnbrechendes, und leider in diesem Fall auch nicht wirklich spannend. Für mich leider einer der enttäuschenderen Filme dieser Berlinale.

    Zoopalast und hässliches diesjähriges Logo

  • Berlinale #7: "Diplomatie" Volker Schlöndorff

    Zoo Palast

    Heute nun einen Ausflug in den legendären Zoopalast. Er liegt nicht zu übersehen zwischen Zooterrassen und Gedächtniskirche. Das ist wohl wahrlich der Stoff aus dem (Film)Träume gemacht sind. Atemberaubende Beleuchtung, glamouröser Bau: kein Wunder, dass die Fassade unter Denkmalschutz steht und dass dieser Ort fast 40 Jahre lang zentrales Wettbewerbskino der Berlinale war. Dann wurde er 2011 zur Renovierung geschlossen und erstrahlt nur schöner denn je. (Nicht zu misachten: es gibt einstellbare Sitze, in denen man unglaublich tief einsinkt und schier grenzenlose Beinfreiheit hat. Der Film sollte spannend sein, sonst ist die Einkuschel und -schlafgefahr groß!)

    Volker Schlöndorff

    Wer das Werk bzw die Lebensgeschichte von Volker Schlöndorff kennt, weiss das er durch und durch deutsch-französisch geprägt ist. Das erklärt vielleicht weshalb er mir so sympathisch ist und eine gewissen unausgeprochene Seelenverwandschaft besteht, von der natürlich nur ich weiss.
    Mit 16 kam er nach Frankreich und begann seine cineastische Laufbahn mit den Größen der französischen nouvelle vague wie Louis Malle und letztens besprochenem Alain Resnais. Gemeinsam mit ihnen hat er, dass man ihn wahrscheinlich mit etwas zäherem Stoff und intellektuellem Geplänkel verbindet. Das haftet leider oft an Regisseuren, die sich viel mit Literaturverfilmungen beschäftigen. Leider mussten viele unter uns in der Schule Christa Wolfs "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", Grass' "Blechtrommel" oder Frisch's "Homo Faber" erleiden. Und auch ich muss gestehen, dass mich diese Filme auch nicht in ihren Bann gezogen haben. Sei es aus einer Art Anti-Haltung heraus oder weil ich sie tatsächlich nicht gut fand. Aber Geschmäcker ändern sich bekanntlich, und wer weiss wie ich sie heute finden würde. Man sehe sich nur Wim Wenders an, den ich als Heranwachsende ausgesprochen schrecklich fand, und jetzt zu meinen best of the bests zähle.

    Der neunte Tag (August Diehl, Ulrich Matthes)

    Vor ein paar Jahren habe ich dann Filme wie "Death of a salesman" nach dem Arthur Miller-Roman gesehen und war geflasht. Ebenso "Der Fangschuss" nach dem Yourcenar Roman, den ich vorher gelesen hatte. Am meisten mitgenommen hat mich aber "Der 9. Tag" mit August Diehl und Ulrich Matthes, der mal ohne Romanvorlage entstand. Schlöndorffs Geschichten wagen es immer wieder, sich der Realität zu stellen, die es eben nicht zulässt, die Menschen in "gut und böse" zu kategorisieren, sondern sich mit der inneren Zerrissenheit der Charaktere beschäftigt, die verschiedenen Entscheidungen und Handlungen zugrunde liegt. Deshalb wird oftmals eine Auseinandersetzung im Dialog zwischen 2 oder 3 Personen dargestellt, die den Film zwar durchaus verkopft und intellektuell macht, es aber eben nicht zulässt dass wir es uns mit vereinfachendem Schubladen-denken gemütlich machen. Er pusht uns eben immer mal wieder gerne aus der geistigen Confort-Zone.

    Diplomatie (Niels Arestrup, André Dussollier)

    Auf dieser Schiene kommt dieser Film auch daher.
    Ob "Diplomatie" nun deutsch oder französisch (Diplomasssie) ausgeprochen wird, weiss ich nach wie vor nicht. Ich weiss aber, dass er über wahre Vorkommnisse am Ende des 2. Weltkrieges berichtet.
    Jetzt bitte nicht verunsichern lassen: ich muss zugeben ich bin nur wegen dem Namen Schlöndorff ins Kino gegangen, ohne mich vorweg über den Inhalt informiert zu haben. Als dann "Paris - August 1944" auf dem Bildschirm zu sehen war, war ich wirklich geneigt einen nicht-schon-wieder-Seufzer auszustossen. Wissend, dass die Crew im Saal sitzt und mir meiner Schuld bewusst, dass man sich doch eigentlich mal informieren sollte worum es eigentlich geht bevor man in sich ein Screening anschaut, habe ich mich zurückgehalten.
    Gut so, denn der Film ist eine kleine Perle. Im Zentrum des Geschehens sind der Deutsche General Dietrich von Choltitz (gespielt vom Franco-Dänen Niels Arestrup, einer der Spitzenschauspieler des neueren qualitativ wertvollen französischen Kinos à la Audiard, den ich überhaupt nicht mag) und der schwedische Diplomat Raoul Nordling (mal wieder mein Freund André Dussollier, einer der wandlungfähigsten Schauspieler die ich kenne).
    Hitler hat angesichts des schon verlorenen Kriegs, im Versuch zumindest verbrannte Erde zu hinterlassen, dem General den Befehl erteilt, die Pariser Brücken und bekannstesten Bauwerke zu sprengen (byebye Oper, Notre-Dame, Invalidendom...). Der Konsul Nordling besucht von Choltitz mit der Mission ihn umzustimmen. Dabei begreift man, dass das Problem weit komplexer ist als angenommen.
    Im Grunde handelt es sich um ein Kammerspiel, das auf der Leistung der 2 Hauptdarsteller beruht. Es gibt noch kurze quasi Gastauftritte von Burghard Klaußner und Robert Stadlober, auf die man aber fast hätte verzichten können.
    Man weiss natürlich wie das Ganze endet, und trotzdem entfaltet der Film eine unglaublich Wucht, eben weil sie da sind: die Auseinandersetzung mit Motiven und Psyche der Menschen und die Ablehnung des Schwarz-weiss Denkens. Ausserdem ist es eine herrliche Liebeserklärung an Paris, dessen Skyline immer wieder im Hintergrund zu sehen ist.
    Ich möchte nichts Spoilern, und möchte deshalb keinen Dialog wiedergeben, aber ich kann nur dazu raten sich diesen wunderbaren, sehr menschlichen Austausch anzusehen.

    Niels Arestrup, Volker Schlöndorff, André Dussollier

    Ein kurzer, leiser, aber komplett ohne Pathos tief-berührender Film (vielleicht bin ich als deutsch-französin da aber auch besonders affin für) mit grandioses Hauptdarstellern. Er kann's einfach, der Volker!
    (Sehr schade im Übrigen, dass es trotz Anwesenheit der Crew kein Q&A gab, aber man kann ja nicht alles haben...)

  • Berlinale #6: "A Long way down" Pascal Chaumeil

    Und es bleibt dabei, das jeder Film eine neue Spielstätte mit sich bringt (und ich habe es nicht extra gemacht, ich schwör'!)

    Haus der Berliner Festspiele

    Heute also nun das Haus der Berliner Festspiele. Befindet sich am komplett anderen Ende der Stadt für mich, aber was tut man nicht alles für die liebe Kunst. Und zum ersten Mal keine Premiere oder Vorführung mit prominenter Anwesenheit, sondern einfach mal ganz normales entspanntes Screening. Wie abgestumpft man doch wird. Gleich ums Eck befindet sich die UdK und der Bau an sich mutet schon etwas 50er-60er lastig an. Das Innere ist dann auch karg-praktisch, allerdings sind die Sitzplätze etwas eng (kein so riesen Problem für meine kurzen Beine).

    nick hornby jackets

    Heute also "A long way down".
    Nick Hornby ist mir natürlich bekannt. Vor Jahren habe ich "About a boy" gesehen, und später nicht schlecht gestaunt als Nicholas Hoult dann plötzlich als erwachsener Mann bei Skins zu sehen war. Gelesen habe ich bisher noch nichts von ihm, was sich aber dank Buchclub demnächst ändern soll. (Ja, richtig gelesen: Buchclub. Ich lege jetzt mal kurz eine virtuelle Pause ein, um den angestauten Sprüchen Raum zu lassen. Fertig? Gut. Ich liebe ihn aber trotzdem, und die tollen Leute die ich dabei kennengerlernt habe. Und um meinerseits einen Spruch loszuwerden, den ich neulich irgendwo über Berlin gelesen habe: out ist das neu in, war schon immer so.)

    A long way down Plakat

    Bei meinen Recherchen bin ich darauf gestossen, dass man Herrn Chaumeil zwei Sternstunden des französischen Kinos verdankt, nämlich "l'arnacoeur" (Witz komm raus, Du bist umzingelt: arnaqueur=Betrüger, coeur=Herz) und "un plan parfait", jeweils besetzt mit meinen meist verachtetsten Schauspielern Frankreichs, Romain Duris und Dany Boon. Genau deshalb habe ich die Filme auch nicht gesehen und tue ihnen vielleicht unrecht, wer weiss?
    Keine guten Vorrausetzungen, aber dieses Mal sprach mich die Besetzung schon mehr an: Toni Colette, Aaron "Pinkman" Paul, Pierce "Bond" Brosnan.

    Die Story ist einfach aber originell.
    Vier potentielle Selbstmörder treffen sich auf dem Dach eines Hochhauses am Sylvesterabend. Der alternde Frühstücksfernsehn-moderator Martin (Brosnan), der gerade wegen einer Pädophilie-Klage seinen Job verloren hat; die etwas biedere Hausfrau Maureen (Colette), deren behinderter pflegebedürftiger Sohn sie zwischen Liebe und Selbstaufgabe hin und her zerrt; der amerikanische Musiker JJ (Paul), über dessen Krankheit ich hier nicht mehr verraten möchte und die junge und freche Politikertochter Jess (Imogen Poots), die mit ihren Herkunft und dem damit verbundenen Druck nicht mehr klarkommt. Nach und nach lernt man diesen bunten und skurrilen Haufen näher kennen, und langsam entstehen auch Verbindungen zwischen Menschen die so erstmal nichts verbinden würde.
    Und natürlich gibt es noch diverseste Verwicklungen, die müsst ihr euch dann aber schon selber ansehen.

    Aaron Paul, Imogen Poots, Toni Colette, Pierce Brosnan

    Der Film ist ein solide Komödie, mit, wie es sich gehört, ab und an angedeuteter Moralkeule und Druck auf die Tränendrüse. Das bleibt aber im annehmbaren Rahmen, und alles in allem ein dramaturgisch prima durchstrukturierter Abend. Die Charaktere wachsen einem tatsächlich irgendwie ans Herz, und die Situationskomik funktioniert auch einwandfrei. Besonders erwähnenswert finde ich Imogen Poots, die mir vorher noch kein Begriff war. Sie schafft bei Jess diese Mischung aus Unverfrorenheit, Direktheit und Verletzlichkeit, die einen ständig zwischen gernervt-sein und Rührung pendeln lassen.

    Es ist kein künstlerisches Highlight, und keine filmische oder intellektuelle Ganzleistung, aber ein durchaus entertainendender und angenehmer Film, ganz im Sinne von zB About a boy oder High Fidelity. Für einen entspannter Filmabend absolut empfehlenswert.

    nick_hornby_reimagined_covers

  • Berlinale #5: "Aimer, Boire, Chanter" (Life of Riley) Alain Resnais

    Am Premierenabend hatte sich Regisseur Alain Resnais noch entschuldigen lassen: "une hanche recalcitrante" ("eine widersprenstige Hüfte"). 2 Wochen später ist der Großmeister der nouvelle vague gestorben. Das macht es natürlich nicht einfacher hier über seinen letzten Film zu berichten. Weil über Tote soll man nichts böses...oder so.

    Alain Resnais

    Was man ihm zugute halten muss, ist das er bis ins hohe Alter hinein ständig versucht hat sich neu zu erfinden und innovatives Kino zu machen. "On connait la chanson" ("Same old song") ist ein sehr sehr schöner Film, in dem die Charaktere ihren Gemütszustand in Lieder verspacken, die tief im französischen Kulturgut verankert sind. Das Neue daran? Es wird nicht gesungen, sondern ge-lipsynched, sprich die Lippen zum Gesang bewegt, als würden die Schauspieler tatsächlich schmettern. Auch der wunderbare Trailer zum Film ist an sich ein Kunstwerk: die Schauspieler tragen trocken und nüchtern Texte französischer Schmachtfetzen vor. Wie gut sich der Witz dabei auf ein ausländisches Publikum übertragen lässt, weiss ich nicht. Aber man stelle sich vor, August Diehl trägt neutral-sprechend "schön ist es auf der Welt zu sein" vor, gefolgt von Iris Berben mit "Hölle". Eben.
    (Und an dieser Stelle sei noch einer meiner Lieblingsstücke am Deutschen Theater empfohlen, war genau das mit deutsch-deutschem Kulturgut betreibt: Kuttner/Kühnel's "Demokratie").

    On connait la chanson

    Leider hat er auch einige Filme hervorgebracht, die dem Schrecken, den das französische Filme-Clichee verbreitet, durchaus gerecht werden. Viele die sich in der Schule durch "Hiroshima - mon amour" gequält haben, werden beim Namen Resnais in Schnappatmung verfallen. Sollte man aber nicht. Im Alter hat er an Witz und Leichtigkeit gewonnen. (Außerdem fühle ich mich als Botschafterin für die nouvelle vague, gerade weil soviele bei dem Namen schon die Augen verdrehen. Bitte einen Godard Film anschauen, bevor man urteilt, ich lache dabei meist 90% der Zeit. Die herrlich verschrobenen Dialoge sind unglaublich unterhaltsam. Aber das ist ein andres Thema.)

    Berlinale Palast

    Zurück zum Ausgangspunkt. Heutige Location: der Berlinalepalast. Nicht so meins. Wusste ich auch schon vorher, hat sich aber nur nochmal bestätigt. Alles hochchaotisch, man weiss nicht wo man sich anstellen soll um hinein zu gelangen, und in echt büsst der rote Teppich hier seinen Glamour schon ein wenig ein. Das versucht man sichtlich über die schicken Männer wieder wettzumachen, die einem dort den Weg weisen, und in ihrer Berlinale-Roten Uniform rumstehen. Wahrscheinlich mussten sie vorher ein Casting durchmachen, und sollen die Premierenfotos aufhübschen. Das freut meine pseudo-feministische Ader dann doch ein bisschen, dass da mal nicht Frauen in knappen Röckchen stehen. Und meine nicht-feministische auch, weil sie ja schliesslich auch nett anzusehen sind.
    Wir stehen an, Bruno Ganz stürmt inmitten allgemeiner Gleichgültigkeit an uns vorbei und dann dürfen wir hinein. Das ich auf dem Weg hinauf hin und wieder mal ein wenig Staub gewischt habe, muss man ja keinem sagen. Aber für einen Palast war es schon reichlich angestaubt. Einen sehr guten Schachzug hingegen finde ich die großen Portraitaufnahmen der Regisseure/Schauspieler, die das Foyer ziehren, und auch bei jeder premiere von denjenigen, die sie darstellen unterschrieben werden. Glamourpunkt: +1.

    Artsy berlinale pic

    Natürlich sitzen wir im 2. Rang, und das Schöne daran ist, dass egal wie man sich hinsetzt man entweder die Untertitel oder die Hälfte des Bildschirms nicht sehen. Strategisch nicht so klug. Gut, dass wir nicht auf die (im übrigen grottigen) Untertitel angewiesen sind.
    Ein wenig warten, kurz fürs Filmteam applaudieren, und schon geht es los.

    Hippolyte Girardot, Sabine Azéma und das nicht- Dekor

    "Aimer, Boire, Chanter" basiert auf dem Theaterstück "Life of Riley" des Briten Alan Ayckbourn. Das Setting ist äusserst minimalistisch: Wände werden nur angedeutet, Möbel zum Teil nur skizziert, die Pflanzen sind offensichtlich künstlich, genauso wie die Geräuchkulissen (zB im Wald), die (gewollt) völlig übertrieben daherkommen. Aha, Resnais hat es tatsächlich geschafft was originelles reinzubringen. Chapeau.
    Karg gehalten auch das Casting: es spielen nur 6 Schauspieler mit, darunter die üblichen langjährigen Resnais-Mirabeiter André Dussolier und Sabine Azéma, ihres Zeichen Ehefrau des Regisseurs. Nach 5 Minuten Film beschleicht mich ein komisches Gefühl: ich glaube ich habe das Stück, das hier als Vorlage diente, schon vor Ewigkeiten im Theater gesehen. Leider hat es mir, wie es scheint, keinen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen zu haben.
    Genau dasselbe geschieht hier. Die Grundstory liest sich nett, ist es aber in der Umsetzung viel weniger: Georges Riley, Freund, Liebhaber oder Exfreund der Protagonisten ist schwer erkrankt, es bleiben ihm noch wenige Wochen zu leben. Alle sind entrüstet, schockiert und traurig, bis nach und nach jeder seine Wahrheit über Riley ans Tageslicht lässt. Verwicklungen, Intrigen, das typische Boulevard-Theater-Unglück nimmt seinen Lauf. Das besondere daran ist, dass Riley nie in Erscheinung tritt. Er beherrscht die Handlung völlig, wird dem Publikum aber nie vorgestellt.
    Das Gesamtkonzept scheint erfrischend, und ist es auch für ca 30 Minuten. Dann beginnt man sich gelangweilt zu fühlen, von den sich immer wiederholenden Mustern des Films. Die Schauspieler tun ihr Bestes, aber um bei solch einem spärlichen Dekor und Schauspielereinsatz spannend zu bleiben, muss das Drehbuch/der Text absolut spitzenklasse sein. Ist es meines Erachtens nicht, weshalb ziemlich schnell gähnende Langeweile sich breitmacht.
    Er hat es versucht, und wer nichts wagt der nichts gewinnt. Leider nichts für mich gewesen die Herangehensweise, und meinem Eindruck nach war sich das Publikum da mit mir einig. Aber es gab den silbernen Bären/Alfred Bauer Preis von der Jury, für "einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet". Naja, vielleicht war es auch eine Art Resnais' Lebenswerk zu ehren, solange es noch Zeit war (übrigens meine Prognose gleich nach der Preisveröffentlichung. Also noch zu Lebzeiten. Und es ist ja auch eine schöne Art, die viel genannte Innovation zu belohnen.)

    Sabine Azéma, Sandrine Kiberlain, Caroline Sihol, André Dussollier, Hippolyte Girardot

    Nach höflichem Klatschen werden Produzent und Crew auf die Bühne gebeten. Nun fehlt Resnais ein bisschen, hätte er uns doch womöglich ein bisschen über seinen filmischen Prozess aufklären können. Stattdessen sagt der Produzent "ich bin ein Berliner" (wie originell), und der Cast trällert ein Liedchen. Highlight ist immer noch Dussollier, der sich zumindest auf Deutsch-singend aus dem Fenster lehnt. Alles in allem ein etwas enttäuschender Abend, und ein nicht so ganz repräsentativer letzter Film für Resnais, leider.

    (Nebenbei sei erwähnt: als ich nach Hause fahren will, gibt es um 0h20 keine Ubahn mehr, die am Alexanderplatz fährt. Lange sind sie vorbei, die Zeiten, als Berlin als Sperrstundenfreie Stadt bekannt war. Schade, den Status Weltstadt muss man sich doch schon irgendwie verdienen.)

  • Berlinale #4: "20,000 days on earth" Iain Forsyth, Jane Pollard

    Kino International

    Heute mal ein mir sehr gut bekannter Ort, nämlich das Kino International. Dort hole ich mir in der Frühe meine Karten und bin allgemein ziemlich fasziniert von dem hübsch-hässlichen Prachtbau an der Karl-Marx-Allee. Jedenfalls sehr edel, und alljenige die ich bisher dorthin mitgenommen habe haben sich fasziniert gezeigt, insbesondere vom güldenen Vorhang. Ausserdem wohne ich dort um die Ecke. (Nicht zu misachtendes Detail, wenn man die gestrige Weltreise betrachtet).

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    Der heutige Film heisst "20,000 days on earth", ist ein Dokumentarfilm und handelt vom fiktiven 20,000. Tag im Leben des großen Sängers Nick Cave. Mehr wusste ich im Vorhinein nicht, ausser dass gerade dieser Streifen sich beim Verkauf der Berlinale Tickets einer riesigen Beliebtheit erfreut hat. Da die Premierenkarten im Nullkommanix weg waren, habe ich mich für die Wiederholung einen Tag später entschieden. Schliesslich geht es ja um den Film und nicht immer nur darum irgendwelche tollen Menschen persönlich zu sehen, habe ich versucht mich selber zu überzeugen. Aber Meister Nick Cave wäre halt schon schön gewesen, begeleitet von einem Seufzer. Naja, egal, freuen wir uns auf den Film im schönen Heimkino...

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    Nach dem üblichen Kampf um den Platz in der Warteschlange findet dann doch jeder einen Kinosessel in dem er den Film fröhnen kann (wer hätte das gedacht?). Und tatsächlich sind die üblicherweise trotz ausverkaufter Vorstellung leer stehenden Plätze dieses mal besetzt. Als sich vor dem Saaleingang eine Traube bildet, habe ich erstmal keine Lust mich der allgemeinen Gaff-Wut anzuschliessen.
    Dann werden die 2 Regisseure vor den goldenen Vorhang gebeten einige einleitenden Worte zu ihrer Produktion zu sagen. Abschliessend meinte ich sogar gehört zu haben "we'll meet again after the screening, and then you'll see who we brought with us". Ok, vielleicht hätte ich doch mal genauer hinschauen müssen, als hinten große Aufruhr war. Aber erst der Film.

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    Vorherrschend ist eine wahnsinnige Bild- und Tongewalt. Die Eröffnungssequenz besteht aus einer stakkatohaften Abfolge an Bildern, die im Zeitraffer die bisherigen 20000 Lebenstage des Nick Cave verfolgen. Von Kindheit über wilde Zeit bis hin zu gesetzteren Tagen mit Frau und Kind. Das ganze wird von Geräuschen begleitet, die im Crescendo zu einem markerschütterndem Lärm heranschwellen (zeitweise halten sich fast alle Zuschauer im Raum die Hände schützend vor die Ohren).
    Was dann folgt ist sowohl ein Einblick ins tägliche Leben des Sängers als auch eine Reise in die Vergangenheit. Man folgt dem fiktiven klassichen Verlauf eines normalen Tages in seinem Leben. Es beginnt mit Aufstehen, ein wenig Komponieren und später Therapiestunde beim Psychiater. Anschliessend folgt ein Besuch in seinem persönlichen Archiv, etwas Proben sowie Aufnahmen fürs nächste Album, Abendessen mit seinen Kindern und schliesslich einem Konzert mit filmabschliessendem Strandspaziergang. Zwischendurch werden immer Rückblicke ins Geschehen eingebaut (Fragen des Psychiaters, Besuch des Archivs). Das Kind und den Teenager Nick Cave zu sehen ist ganz witzig, schliesslich altert dieser ja seit Jahren überhaupt nicht mehr. Einige Weggefährten wie Kylie Minogue oder Blixa Bargeld begleiten Cave auf seinen Autofahrten von A nach B.

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    Ein dramaturgische gut durchdachtes, ausgefeiltes und in sich stimmiges Konzept, das komplett aufgeht. Zwischendurch werden immer wieder längere Sequenzen eingeblendet, in denen er und seine Band, die Bad Seeds einzelne seiner Stücke in voller Länge vortragen. Es gab Szenenapplaus. Nie hat man den Eindruck voyeuristisch in Untiefen der Privatsphäre zu graben, schliesslich erfährt man ja genau das, was der Sänger preisgeben möchte. Und allgemein steht immer das an erster Stelle, wofür Nick Cave verehrt wird: seine Musik. Dabei sein zu können beim Entstehungsprozess ist ungemein spannend, und für mich als Laien eine sehr neue Erfahrung. Dass er ein großer Erzähler ist, beweist er auch hier. Der ganze Film wird von seinen eigenen Worten untermalt, denen viel Poesie innewohnt.

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    Im Nachgespräch taucht ER dann auf: Mr Nick Cave. Erneut kann ich mich vor Erfurcht und Aufregung kaum mehr einkriegen. Schliesslich befinde ich mich mit einem der größten Songwriter in einem Raum. Und meine Vorahnung wird bestätigt: er ist der einzige Mann auf Erden, dem schwarz gefärbte Haare und Schmuck stehen. Ausserdem ist er äusserst unterhaltsam, und wir erfahren, dass er von seiner Schule (in Australien) geflogen ist, obwohl er nicht viel falsches getan hat (es ist wohl einfacher rausgeschmissen zu werden, wenn die 2 Eltern dort arbeiten). Auch die Regisseure Iain Forsyth und Jane Pollard, beide Briten, sind absolut sympathisch und so scheint es, die größten aller Nick Cave Fans. Es ist nach einer Vielzahl von Kurzfilmen ihr ersten Spielfilm, der voraussichtlich Mitte 2014 in die Kinos kommen wird.

    Ein Muss für Menschen, die Nick Cave und seine Philosophie verstehen möchten. Auch wenn man hinterher genauso schlau ist wie vorher, ein wenig vom Cave-Spirit ist auf mich übergesprungen.

  • Berlinale #3: "L'enlèvement de Michel Houellebecq" Guillaume Nicloux

    Delpi

    Nächste neue Location: der Delphi-Filmpalast am Zoo. Da wollte ich schon länger mal hin, aber Faulheit hielt mich ab, schliesslich bedeutet das einmal quer durch die Stadt. Nun waren die Karten gekauft und es gab kein Entrinnen.
    Und siehe da: ein wunderbarer Ort. Das Foyer des Kinos ist ganz in gedämpften Rottönen gehalten, und versetzt einen, ganz wie der große Schriftzug über den Eingang, zurück in die glamouröse Glanzzeit des Kinos.

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    Heutiger Film nennt sich "L'enlèvement de Michel Houellebecq", zu Deutsch etwa "die Entführung Michel Houellebecqs". Für diejenigen, die mit dem Namen nichts anfangen können: Michel Houellebecq ist ein französischer Autor, der hierzulande insbesondere durch die "Elementarteilchen" bekannt wurde. Er als Person sowie seine Schriften sind äusserst umstritten, wahlweise wird er der Frauenfeindlichkeit, des Rechtsextremismus oder des Islamhasses bezichtigt. In seinen Romanen, die ich meist sehr gerne gelesen habe, ist mir sowas bis dato noch nie wirklich aufgefallen. Eher haben mich die tiefe Einsamkeit und Traurigkeit seiner Charaktere oder die extreme Präzision mit der er gewisse sozial-relevante Themen behandelt berührt. Mal geht es um Sextourismus in Thailand, mal um Sterbehilfe, immer derb, kühl und direkt. Nicht jedermans Sache und absolut provokativ aber ich habe zB "Karte und Gebiet" bei allem Pessimismus für sehr gut befunden.

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    Der Autor soll auch zugegen sein, wobei man dessen nie so ganz sicher sein kann, bei solch einer unberechenbaren Person wie Houellebecq.
    Niclouxs' Film würde ich spontan als Doku-Fiktion beschreiben. Ende 2011 war der Autor für einige Wochen vom Erdboden verschluckt, und keiner wusste so genau was mit ihm geschehen war. Wildeste Spekulationen von stalkenden Fans bis Al Quaida wurden ausgepackt. Was genau passiert ist, bleibt auch heute noch ein Rätsel, aber der Film liefert eine äusserst unterhaltsame Version der Ereignisse.

    Nachdem kurz das tägliche Leben des Houellebecq in Paris skizziert wird (Freunde besuchen, sich über klassische Musik oder schwule Pullover unterhalten, einfach umherlaufen), wird er in seiner Wohnung von 3 Männern entführt. Diese verfrachten ihn in ein mit Nippes vollstehendes Haus, irgendwo im nirgendwo, und nach und nach entwickelt sich sowas wie .... eine Freundschaft? Das Entfürher-Dreiergespann bestehend aus Trainer der isrealischen Armee, Streetfighter und Bodybuilder muss erst mit ihrer Geisel klarkommen, die sich als ziemlich witziges Klotz am Bein entpuppt. Houellebecq verlangt eine gewisse Sorte Rotwein, raucht allen die Zigaretten weg und möchte letztendlich doch auch bitte ein Prostituierte haben. Dazwischen entwickeln sich unglaublich komische Dialoge zwischen den 3 eher physischen Kollossen und dem schmächtigen Intellektuellen. Er hört ihnen viel zu, gibt qualifizierte Kommentare, und lässt sich von ihnen die Kunst des Nahkampfs oder des Pfeifens beibringen. Man ist fast traurig als die Gefangenschaft ihrem Ende naht, so unterhaltsam sind die einzelnen Szenen.

    Nie im Leben hätte ich mir träumen lassen, dass Houellebecq als Schauspieler ein dermassenes komisches Potential besitzt. Eigentlich kennt amn ihn eher als miesepetrigen etwas eckligen älteren Mann, in seinem ewigen grünen Parka, der seiner Umgebung eher feinselig gegenüber tritt (nicht umsonst gilt er als nicht-interviewbar). Und hier genügen ein Blick, eine Geste und der Saal schreit vor lachen (und das trotz nicht auszuhaltender Hitze, man merkt dass das Delphi nicht das Neueste ist). Ein Hochgenuss. Der Plot ist eher zweitrangig, aber die Dialoge, die größtenteils improvisiert und unter Zuhilfenahme von Alkohol entstanden sind, sind einfach göttlich.
    Eine riesen Überraschung.

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    Im Nachgespräch taucht der Meister dann tatsächlich auf, gewohnt wortkarg, aber beantwortet mit großer Präzision und Witz die Fragen der Interviewerin. Ganz im Gegensatz zu Regisseur Guillaume Nicloux, dem selbst englische Fragen ins Französische übertragen werden müssen, und der erstmal 10 Minuten am Stück redet (armer Übersetzer!) und das auch noch ohne die Frage zu beantworten.
    Die große Überraschung für mich ist, dass Houellebecq, der immer abwesend zu sein scheint und ab und an mal an seiner Elektrozigarette zieht, unglaublich scharfsinnig seine Umgebung wahrnimmt. Er hört zu, und Menschen erzählen ihm viel. Das ist es, was er in seinen Büchern verarbeitet erfahren wir. Andere Menschen erleben das Erzählte für ihn. Und die Diskrepanz zwischen seiner äusseren Erscheinung/seinem Benehmen, und der Art wie er pointiert, genau und feinfühlig auf sein Gegenüber reagiert erstaunt immer wieder aufs Neue.

    Ob er in diesem Film sich selber verkörpert hat werden wir nie erfahren, und ob zwischen Kunstperson und eigentlchem Michel Houellebecq Gemeisamkeiten da sind sei dahingestellt. Das Mysterium bleibt. Fest steht: selten verging die Zeit so schnell im Kinosessel, bitte mehr solcher Filme (und bitte unbedingt einen Kinovertrieb, es könnte ein Überraschungserfolg werden). Danke.

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